Im Interview gibt die Jenaer Bildungsmanagerin Stefanie Teichmann Einblicke in die neue MINT-Strategie der Stadt. Sie erklärt, warum MINT in Jena eine zentrale Rolle spielt, und zeigt, wie ein starkes Netzwerk aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Zivilgesellschaft zusammenwirkt. Besonders die enge Zusammenarbeit mit Großunternehmen trägt dazu bei, eine vielfältige und zukunftsorientierte MINT-Landschaft zu gestalten. Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei der Verein witelo, der als Koordinierungsstelle die verschiedenen Akteure miteinander verbindet und die zahlreichen Angebote bündelt.
Netzwerktreffen bieten Gelegenheit, die Vielfalt der MINT-Angebote in Jena und der Region kennenzulernen und gemeinsame Potenziale für die kommenden Jahre zu identifizieren.

Warum engagiert sich Jena so stark im Feld MINT?
Jena ist eine Universitätsstadt und zudem Bildungs- und Wissenschaftszentrum, Hochtechnologie-Standort für Optik & Photonik, Gesundheitstechnologie und Digitalisierung. Die Namen der ortsansässigen Unternehmen sind überregional bekannt: Zeiss, Schott, Jenoptik und so weiter. Wir haben hier 23 Prozent „Hightech-Beschäftigte“, der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 12 Prozent. Ein Drittel aller Beschäftigten haben einen Hochschulabschluss. Es gibt 261 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Die Stadt Jena und der Stadtrat legen seit 1990 einen Schwerpunkt auf Bildung und Schulentwicklung. Hierbei geht es um humanistische Bildung als Wert an sich und um gut ausgebildete Fachkräfte als Standortfaktor für die heimische Wirtschaft. MINT-Bildung ist daher eine besonders geeignete Schnittstelle zwischen beiden Anliegen. Zudem ist unsere Unternehmer- und Bürgerschaft im Feld MINT glücklicherweise äußerst aktiv.
Wir haben sehr viele MINT-Akteure in Jena – von Unternehmen über die Hochschulen, Vereine, Initiativen bis hin zu Privatpersonen. Da lag eine Koordinierung der Angebote und Anbieter vonseiten der Stadt nahe. Es gab zudem ein Interesse, außerschulische Akteure mit Schulen zusammenzubringen.
Wie kam es zur ersten MINT-Strategie der Stadt Jena, die 2016 veröffentlicht wurde?
Der Impuls kam von der Stadt. Wir wollten das Feld finanziell und inhaltlich stabilisieren. Zudem sollte der Stadtrat mit ins Boot geholt werden, denn wir erhofften uns inhaltliche Unterstützung. Die erste MINT-Strategie zielte vor allem auf das Verständnis und die finanzielle Absicherung der MINT-Angebote ab.
Was sind die zentralen Merkmale des Engagements der Stadt im Bereich MINT?
Zentral ist wohl vor allem, dass alle Bereiche der Stadt inkl. des Stadtrats hinter den Aktivitäten im Bereich MINT-Bildung stehen. Alle Beschlüsse zu MINT waren im Stadtrat stets einstimmig, das ist bemerkenswert. Zudem haben wir eine Koordinationsstelle für MINT-Akteure und fachliches Wissen sowie eine Steuerung des MINT-Netzwerks in Form des Vereins witelo.
Witelo wurde auf Initiative von Zeiss gegründet, um eine Unterstützung von Schulen beim Thema MINT zu erreichen. Erst im zweiten Schritt ist Zeiss dann auf die Stadt zugegangen und hat sie mit eingebunden. Der Zeiss-Förderfonds hat somit bis heute den Hauptfinanzierungsanteil des Vereins, wofür wir sehr dankbar sind.
Außerdem gibt es als Landesprojekt der Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT) ein Schülerforschungszentrum, das von der Stadt mitfinanziert und vom witelo e.V. getragen wird. Des Weiteren ist eine MINT-Strategie vorhanden. Ich selbst koordiniere als Bildungsmanagerin MINT innerhalb der Stadtverwaltung.
Was steht in der neuen MINT-Strategie, die 2025 veröffentlicht wurde?
Die erste MINT-Strategie von 2016 diente der Sicherung politischer Mehrheiten und Verankerung in der Stadt. Die jetzige Strategie ist eigentlich klassisches datenbasiertes kommunales Bildungsmanagement: Wir haben eine Ist-Stands-Analyse, einen datenbasierten Teil, strategische Ziele, die auf Handlungsziele heruntergebrochen werden und schließlich als eigentlichen Kern Maßnahmen zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der MINT-Bildung in Jena.
Man kann festhalten, dass die Finanzierung der MINT-Bildung in Jena gesichert wurde, und zwar für witelo e.V., das Science-Center Imaginata, den MINT-Bildungsfonds und das MINT-Festival der Uni. Auch bei veränderten finanziellen Rahmenbedingungen wird MINT-Bildung in der Stadt bislang im Kern nicht in Frage gestellt.
Mal ganz konkret: Bedeutet der hohe Stellenwert von MINT-Bildung in Jena, dass ausschließlich Jenaer Schülerinnen und Schüler regelmäßig in deren Genuss kommen? Gibt es da ein Gefälle von Schule zu Schule? Werden auch andere Kommunen eingebunden?
Die Jenaer Bevölkerung profitiert natürlich am meisten. Allerdings zeigt sich am Beispiel der Imaginata, die man wohl am besten als Experimentierpark bezeichnen kann, dass auch zwei Drittel der Gäste aus anderen Kommunen kommen. Es profitieren also auch Auswärtige.
Die Nutzung der MINT-Angebote durch Schulen wird in den Qualitätsberichten von witelo und Imaginata turnusmäßig abgefragt. Grundsätzlich werden alle Schulen mit Angeboten bedacht, beispielsweise AGs im Ganztagsbereich. Es sind Abrufangebote: Es gibt keine Verpflichtung für Schulen, diese zu nutzen. Die Stadt achtet zudem auf Chancengleichheit. Wir haben das Programm „MINT-BiT – MINT-Bildung und Teilhabe“ deshalb mit unterstützt. Hiermit können wir zusätzliche AGs in sozial benachteiligten Vierteln realisieren.
Inwieweit unterstützt das MINT-Netzwerk die Ambitionen der Stadt?
Es ist das Herz der MINT-Landschaft in Jena. Dieses Netzwerk besteht aus 70 bis 80 Akteuren. Hierzu zählen Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Vereine, Initiativen und Privatpersonen. Diese bringen sich mit ihren Angeboten und finanziellen Ressourcen in die MINT-Landschaft ein.
Da haben wir das Beispiel Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, welches proaktiv ein School-Lab eingerichtet hat. Zeiss finanziert neben weiteren Firmen den witelo e.V. und ist sehr aktiv im Feld MINT. Jenoptik finanziert die Imaginata.
Wo liegen die Grenzen für die Stadt im Bereich MINT?
Im Vergleich sind andere deutsche Regionen eindeutig besser finanziell aufgestellt und können somit andere Projektdimensionen stemmen. Jena stabilisiert die vorhandenen Aktivitäten. Wir unterstützen ein Kombiticket für verschiedene Museen – größere Ideen sind derzeit schwer zu realisieren. Die Einrichtung eines TUMO-Lernzentrums wäre ein Wunsch, ist aber abhängig von finanziellen Rahmenbedingungen.
Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft?
Die Zivilgesellschaft ist neben Unternehmen und Verwaltung zentraler Teil der MINT-Bildungslandschaft. Ich denke da an Vereine, Initiativen und Eltern. Ein Beispiel: Eltern leihen für die Schulen ihrer Kinder eigeninitiativ witelo-Boxen aus, um sie im Bereich MINT zu unterstützen. Die Zivilgesellschaft ist unverzichtbar für das Funktionieren der MINT-Landschaft.
Was können Sie anderen Kommunen empfehlen?
Klein anfangen, einen Verein suchen, der schon im Feld MINT aktiv ist, nicht vor der Akquise von Unternehmen zurückschrecken, AGs an Schulen initiieren, die Politik ins Boot holen.

Das Interview führte Alexander Lorenz, Kommunalberatung Thüringen.