Vom 13. bis 15. Mai fand in Leipzig der 18. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag in Leipzig statt. Wir sprachen mit Dr. Christine Steiner, Stellvertretende Leiterin des FSP „Übergänge im Jugendalter“ am Deutschen Jugendinstitut, die uns Einblicke in die Ergebnisse des Kongresses gab. Sie präsentierte gemeinsam mit zwei Kolleginnen im Rahmen eines Panels zum Thema „Mehr Teilhabe und Partizipation für Kinder durch den Ganztag – Forschungsbefunde aus dem Deutschen Jugendinstitut“ zentrale Forschungsergebnisse.
Auf dem diesjährigen Kinder- und Jugendhilfetag in Leipzig präsentierten Dr. Christine Steiner und ihre Kolleginnen zentrale Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstitutes.

Liebe Christine, du warst auf dem 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Leipzig, der vom 13. bis 15. Mai 2025 in Leipzig stattgefunden hat. Vielleicht gleich zum Einstieg: Warst du das erste Mal in Leipzig auf dem Kinder- und Jugendhilfetag? Wie fandest du die Veranstaltung?
Ich war nicht das erste Mal in Leipzig, auch nicht das erste Mal auf dem Kinder- und Jugendhilfetag, aber ich habe das erste Mal deutlich längere Zeit dort verbracht. Ich habe so tatsächlich viele Eindrücke gewinnen können, die man sonst nicht bekommt, wenn man nur für ein Forum oder einen Vortrag die Veranstaltung besucht.
Und das war schon beeindruckend. Es war alles perfekt organisiert, das muss man einfach so sagen. Der Veranstaltungsort (Anm. d. Red.: Leipziger Messe) war toll, die schnellen Wege zwischen Stadt und Messegelände. Und ich glaube, gehört zu haben, es waren insgesamt 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die sprechen auch dafür, dass die Veranstaltung sehr viel Anklang fand. Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass das der erste Kinder- und Jugendhilfetag war, der wieder in Präsenz stattfand.
Was waren die zentralen Themen des Kongresses?
Das zentrale Thema des Kongresses „Weil es ums Ganze geht: Demokratie durch Teilhabe verwirklichen!“ war Programm, und das hat man natürlich in den einzelnen Veranstaltungen auch wiederfinden können. Das ist ein tolles Thema, finde ich. Da es nicht wirklich gut um die Demokratie steht und es nun auch wirklich darum geht, die Demokratie zu verteidigen.
Die Botschaft, dass das durch Teilhabe möglich ist, ob das und wie das gelingen kann, wurde unter verschiedenen Aspekten kontrovers diskutiert. Und da hängt es sehr davon ab, was dich konkret interessiert. Ich bin zum Beispiel auch zu den Kolleginnen und Kollegen gegangen, die sich mit Armutsbetroffenheit und/oder mit Teilhabe im Ganztag beschäftigt haben.
Was hat dich nachhaltig beeindruckt?
Das war wirklich die Messe. Ich fand, das waren wirklich tolle Stände. Das hatte ich von meinem letzten Kongress gar nicht mehr so in Erinnerung. Die Ausstellenden haben sich da wirklich viele Gedanken gemacht. Die Stände zu besuchen, hat wirklich sehr viel Spaß gemacht. Das kann ich wirklich allen, die zum nächsten Kinder- und Jugendhilfetag im Jahr 2029 fahren, nur empfehlen. Das war wirklich ein Highlight.
Was hat denn das Deutsche Jugendinstitut dort präsentiert?
Ich hatte den Eindruck, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen aus dem DJI dabei waren, natürlich auch aus Halle und Leipzig. Traditionell ist das DJI mit dem ganzen Spektrum der Themen und Projekte vertreten – von Fragen zum Fachkräftemangel, ob Ehrenamtliche hier helfen können, über bestimmte Förderprogramme und was sie nun bewirken können oder nicht. Natürlich auch zum Ganztag, auch zum Thema Sozialberichterstattung bzw. Kinder- und Jugendhilfeberichterstattung. Das ist ein breites Spektrum und für jeden was dabei – natürlich auch für die Kolleginnen und Kollegen, die in den Kommunen vor Ort arbeiten.
Kommen wir jetzt zu deinem Panel mit dem Titel „Mehr Teilhabe und Partizipation für Kinder durch den Ganztag? Forschungsbefunde aus dem Deutschen Jugendinstitut“. Inhaltlich ging es dabei um die gleichberechtigte Teilhabe und die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Ganztagsbildung. Basierend auf den Ergebnissen dreier Forschungsprojekte des DJI diskutierte die Runde, wie diese politischen Vorhaben in der Praxis umgesetzt werden. Was kannst du dazu sagen?
Ich weiß gar nicht, ob wir so richtig diskutiert haben. Wir haben in allen drei Projekten, die ihre Ergebnisse vorgestellt haben, eher geprüft: Was ist nach 20 Jahren Ganztagsausbau – also Ausbau der Ganztagschulen bzw. ganztägigen Bildung und Betreuung für Kinder im Grundschulalter – tatsächlich umgesetzt worden. Und hat der einfache Schluss, mehr Teilhabe bedeute mehr Förderung und damit mehr Chancen – das ist ja das Ganztagsprogramm –, vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse Bestand. Unsere Ergebnisse waren da an der ein oder anderen Stelle doch ernüchternd.
Jetzt erwartet man wahrscheinlich, dass du jetzt sagst, dass Teilhabe gut ist, dass Partizipation super ist. Die soziale Ungleichheit der Schülerschaft werde dank des Ganztags abgemildert. Ist das so? Oder sind die Ergebnisse aus den Untersuchungen der Sozialwissenschaft an der Stelle kontroverser als angenommen?
Letzteres. Dass das so sein kann oder am besten so sein sollte, steht natürlich in jedem Förderprogramm. Aber ich glaube, dass meine Kollegin Katrin Hüsken, die die Ergebnisse des KiBS-Projektes (Kinderbetreuungsstudie) vorgestellt hat, die sich mit den Zugängen befasst, die es überhaupt ermöglichen, teilhaben zu können, ziemlich klar zeigen konnte, dass gerade die Kinder, die es besonders nötig hätten, eigentlich keinen Platz finden – ums es mal ganz kurz zu sagen. Das betrifft den frühkindlichen Bereich, aber auch den Bereich der Grundschulkinder.
Ich habe zeigen können, dass der Ganztag durchaus schon etwas bewirkt, aber auch hier sich Lehrende und Erziehende an Grundschulen schwertun, armutsbetroffene Kinder gut zu begleiten und zu unterstützen. Und natürlich meine Kollegin Katja Flämig, die sich mit der Demokratieförderung und Partizipation in den verschiedenen Ganztagssettings beschäftigt hat: Sie konnte zeigen, dass es oft nur um Scheinpartizipation und Scheindemokratie geht.
Also es ist ein bisschen ernüchternd gewesen. Aber darum geht es ja. Es geht ja darum, wo kann man ansetzen, wo fehlt etwas, wo ist es vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle eine Illusion.
Du hast es ja gerade angedeutet, wieso schafft es denn unser Land aus deiner Sicht nicht, trotz dieser enormen Fördersummen Benachteiligungen durch Armut über das Instrument Schule nachhaltig zu bekämpfen?
Na ja, Armut lässt sich mit Schulen sicherlich nicht unmittelbar bekämpfen. Armut, das heißt schlicht und ergreifend, dass Familien und damit natürlich auch Kinder und Jugendliche wenig Geld haben. Aber wo Schulen und Hochschulen oder auch die außerschulischen Einrichtungen aktiver werden könnten, ist, Armut in Rechnung zu stellen Das fängt ganz schlicht damit an, dass Schule Geld kostet, auch dass die Mittagsversorgung Geld kostet.
Das wissen gerade Kolleginnen und Kollegen aus den Kommunen. Sie wissen um das Bildungs- und Teilhabepaket, sie wissen auch um die Schwierigkeiten, und sie wissen, wie lange das eben auch alles dauert. Das sind immer diese Stolpersteine, wo Instrumente, die eigentlich da sind, dann aufhören zu funktionieren.
Was wäre unabhängig von Großprojekten wie dem Startchancen-Programm nötig, um Chancengerechtigkeit in den Schulen herzustellen?
Programme wie das Starchancen-Programm sind natürlich toll. Aber ich glaube, was Schulen und Kindertageseinrichtungen fehlt, ist eine vielleicht weniger Projekt- und ein bisschen mehr strukturelle Verankerung von Unterstützungsleistungen.
Das alte Problem. Wo siehst du da das kommunale Bildungsmanagement? Was kann das Bildungsmanagement im Bereich Teilhabe im Ganztag konkret tun?
Ganztag wird ja vor allen Dingen jetzt im Bereich der Grundschulen bzw. der Grundschulkinder stärker an die Kommunen heranrücken. Das ist auch gut so und da waren die Kommunen ja sowieso auch beim Ganztagsschulausbau schon stark involviert. Ich glaube, wo es ein bisschen hakt, wo auch die Erwartungen von Schulen und Tageseinrichtungen groß sind, ist die Frage der Koordination.
Ganztag ist ja eine interinstitutionelle, multiprofessionelle Angelegenheit. Das ist immer mit viel Aufwand verbunden. Und wenn da Expertise vorhanden ist oder zur Verfügung gestellt werden kann – etwa durch euch – wie das gut miteinander vereinbart werden kann, dann ist das sicherlich ein Angebot, das auch den Ganztag insgesamt voranbringt. Und natürlich die klassischen Themen, die euch ja auch bewegen. Also non-formale Bildung, erweitertes Bildungsverständnis und natürlich eine gute Förderung für jedes Kind.
Liebe Christine, das war ein sehr erhellendes Gespräch. Danke für deine Zeit!
Danke für die Einladung! Bis zum nächsten Mal!

Das Interview führte Alexander Lorenz, Kommunalberatung Thüringen.