Wie erleben Unternehmen im Landkreis Sömmerda den Fachkräftemangel – und welche Unterstützung wünschen sie sich? Um das herauszufinden, hat das kommunale Bildungsmanagement eine Unternehmensbefragung durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen eindrücklich: Der Mangel betrifft mittlerweile alle Branchen. Viele Betriebe wünschen sich mehr Informationen, Kooperationen und konkrete Hilfestellungen. Im Gespräch berichtet Bildungsmanagerin Dr. Katharina Kratky, wie diese Erkenntnisse genutzt werden, um neue Maßnahmen anzustoßen und die Fachkräftesicherung im Rahmen des Programms Bildungskommune voranzubringen.
Der 2023 gegründete Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT des Landkreises Sömmerda bringt Vertreterinnen und Vertreter der Schulen und Unternehmen, des Arbeitsmarktes und der Verwaltung, etwa aus dem Schulamt und der Schulverwaltung, zusammen.

Frau Dr. Kratky, wie steht es um die Fachkräftesituation im Landkreis Sömmerda?
Die Fachkräftesituation gestaltet sich vor allem in ländlich geprägten Regionen zunehmend schwieriger, gerade für kleinere Firmen. Es gibt nicht genügend Auszubildende und dementsprechend ist es für manche Unternehmen schwer, passende Nachwuchskräfte zu finden. Noch vor wenigen Jahren betraf das nur einige spezielle Berufsfelder. Heute sind alle Bereiche betroffen. Auch das Ausscheiden aus dem Berufsleben und die Nachbesetzung stellt die Firmen vor große Herausforderungen.
Beim Thema Fachkräfte sind viele unterschiedliche Akteure im Boot. Wie arbeiten sie zusammen?
Die Wirtschaftsförderung und die Bildungsplanung haben im Herbst 2023 gemeinsam den Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT neu gegründet, der seitdem stetig wächst. Mittlerweile engagieren sich über 30 Personen pro Sitzung. Darunter finden sich Vertreterinnen und Vertreter der Schulen und Unternehmen, des Arbeitsmarktes und der Verwaltung, etwa aus dem Schulamt und der Schulverwaltung. Der Arbeitskreis widmet sich vor allem der Berufsorientierung und organisiert Veranstaltungen, die junge Menschen und Firmen zusammenbringen.
Der Übergang von der Schule in den Beruf wird in der Steuer- und Arbeitsgruppe der Jugendberufsagentur thematisiert, die anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens nächstes Jahr eine Vernetzungsveranstaltung plant. Dort treffen sich alle am Übergang Schule – Beruf aktiven Personen und tauschen sich aus.
Darüber hinaus konnten wir mithilfe von Drittmitteln erfolgreich eine zusätzliche Personalstelle in der Wirtschaftsförderung schaffen, die sich ab Herbst 2025 intensiv den kleinen und mittelständigen Unternehmen (KMU) zuwendet. Zum einen soll die Möglichkeit der Verbundausbildung stärker beworben und Firmen bei deren Planung und Nutzung unterstützt werden.
Zum anderen möchten wir mit dieser zusätzlichen personellen Ressource mehr junge Menschen in eine Berufsausbildung in diesen Unternehmen bringen. Dafür haben wir das sogenannte „Praxisjahr“ nach der Schule eingeführt. Es soll jungen Menschen mehr praktische Erfahrungen und Einblicke ermöglichen. Für die Firmen vor Ort ist das ein guter Anlass, sich selbst und ihre Arbeitsabläufe sichtbar und erlebbar zu machen.
Sie haben 2022 eine Unternehmensbefragung durchgeführt, um mehr über die Fachkräftesituation zu erfahren. Was sind die zentralen Ergebnisse und wie werden sie genutzt?
Zunächst hat sich der Fachkräftemangel in nahezu allen Branchen bestätigt. Viele Firmen können Personalausfälle durch Krankheit oder Ruhestand nicht mehr kompensieren. Meist bilden die Firmen aufgrund ihrer Größe und geringen Ressourcen nicht mehr aus. Des Weiteren gab die Hälfte der befragten Unternehmen an, nicht mit einer Bildungseinrichtung zusammenzuarbeiten. Wenn Kooperationen bestehen, dann am ehesten mit Regelschulen.
Ebenso könnten Firmen mehr Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen, die ein großes Potenzial am Arbeitsmarkt darstellen. Gleiches gilt für Menschen mit Behinderung. Für beide Personengruppen wünschen sich die Unternehmen mehr Informationen zu den speziellen Rahmenbedingungen.
Welche Chancen und Hürden sehen Sie bei der Integration dieser Menschen?
Es geht vor allem um Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten. Wenn die Firmen mehr Wissen über Sprachförderungsangebote und aufenthaltsrechtliche Themen hätten, könnte ihre Bereitschaft steigen, Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Das gilt auch für Fragen zur Akquise ausländischer Fachkräfte und entsprechenden Qualifizierungsmöglichkeiten. Grundsätzlich ist es den Unternehmen wichtig, dass potenzielle ausländische Fachkräfte über die erforderlichen Sprachkenntnisse verfügen.
Um mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, benötigen die Unternehmen ebenfalls mehr Informationen, vor allem zu den spezifischen Rahmenbedingungen ihrer Beschäftigung. Es müssen aber auch die erforderlichen personellen und sächlichen Voraussetzungen vorliegen bzw. geschaffen werden, was eine Herausforderung darstellt. Prinzipiell sind auch Begleitprogramme, Unterstützungsleistungen und Informationen über gelingende Inklusion für die Firmen wichtig.
Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass Menschen, die einen höheren Integrationsaufwand im Betrieb erfordern, immer auch eine Begleitung im Arbeitsprozess durch das Bestandspersonal benötigen. Hier wägen Unternehmen aufgrund der dünnen Personaldecke sehr genau ab, ob sie dies leisten können. Das ist ein Teufelskreis: Das Erschließen neuer Arbeitsmarktpotenziale verlangt personelle Ressourcen.
Was würden Sie Unternehmen vor Ort empfehlen, die händeringend Arbeitskräfte suchen?
Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Wir haben festgestellt, dass es besonders für kleine Unternehmen eine große Herausforderung ist, unsere Berufsmessen zu besuchen, um sich dort zu präsentieren. Auch hier fehlt es an personellen und zeitlichen Ressourcen, die sich nicht herzaubern lassen. Wir hoffen, durch das zusätzliche Praxisjahr auch kleine Firmen zu erreichen und somit in ihrer Nachwuchsgewinnung zu unterstützen.
Die Unternehmen melden uns zurück, dass ihnen die Teilnahme am Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT viele Vorteile bringt, da sie mitbestimmen und auf ihre Situation aufmerksam machen können. Zudem schätzen sie den direkten Kontakt zu Schulen und die gemeinsame Veranstaltungsplanung.
Unser Landrat besucht die Unternehmen vor Ort – eine gute Gelegenheit für Unternehmen, ihre Herausforderungen zu schildern und gleichzeitig für sich zu werben. Wir versuchen bei all unseren Bemühungen, die Bedarfe der Unternehmen, aber auch die der potenziellen Beschäftigten zu berücksichtigen.
So planen wir beispielsweise im Herbst 2025 eine Informationsveranstaltung für Unternehmen zur Gewinnung von ausländischen Auszubildenden. Einige Betriebe haben hier sehr konkrete Pläne und wünschen sich dafür eine gute Begleitung. Da es hierfür bereits gute Strukturen der Kammern gibt, werden wir dabei unterstützen, diese stärker bei den Firmen zu bewerben.
Wie beziehen Sie die Schulen in die Fachkräftesicherung ein?
Auch hier bedarf es einer individuellen Vorgehensweise, da Berufsorientierung an den Schulen unterschiedlich gestaltet wird. Wir haben einige Schulen im Landkreis, die den „Tag in der Praxis“ umsetzen. Hier können Schülerinnen und Schüler an einem festen Tag in der Woche über ein ganzes Schuljahr hinweg bei einer oder mehreren Firmen praktische Erfahrungen sammeln. Das hat den Vorteil, dass sie im Rahmen der Unterrichtszeit regelmäßig Einblicke in verschiedene Arbeitsfelder erhalten.
Herausfordernd ist, dass es nicht allen Firmen möglich ist, Schülerinnen und Schüler regelmäßig an einem festen Tag in der Woche zu begleiten. Ein weiteres Problem ist die Interessenslage bei den Schülerinnen und Schülern: nicht jede Firma ist für sie als Tätigkeitsfeld interessant. Einige Unternehmen sind zudem nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.
Wir organisieren zwei Berufsorientierungsmessen im Jahr: die Praktikums- und Ausbildungsbörse (PAB) im Frühjahr und die Berufsinfobörse (BIB) im Herbst. Während letztere alle Schülerinnen und Schülern ab der 7. Klassenstufe als Pflichtveranstaltung mit pädagogischer Begleitung besuchen, richtet sich die PAB speziell an junge Menschen, die noch im selben Jahr einen Praktikum- oder einen Ausbildungsplatz suchen. Dieses Angebot wird auch gerne von Schulen genutzt, die nach aufgeschlossenen Unternehmen für den „Tag in der Praxis“ suchen.
Flankierend zu den beiden Veranstaltungen gibt es zwei digitale Messen, auf denen sich die Firmen im Vorfeld und im Nachgang mit ihrem Portfolio präsentieren können: die „Berufs-Infobörse in Sömmerda – Dein Navigator für die Veranstaltung“ und „Praktikums- und Ausbildungsbörse im Landkreis Sömmerda - Thaff - Thüringen“.
Die Berufsorientierung an unseren Gymnasien wird auch sehr unterschiedlich umgesetzt. Manche Gymnasien bieten hauseigene Berufsmessen an und manche beschränken sich nur auf die Besuche von Hochschulen. Doch mit Blick auf die Abgangssituation bedarf es hier mehr Berufsorientierung zwischen der 9. und 11. Klassenstufe, schließlich verlassen nicht alle jungen Mensch das Gymnasium mit dem Abitur.
Wie knüpfen die Ideen des Landkreises im Bereich Fachkräfte- und Auszubildendensituation an die Bemühungen des Landes Thüringen an?
Wir greifen einige Kernziele der Thüringer Fachkräftestrategie auf und adaptieren sie für den Landkreis. Sowohl in der Bildungsstrategie als auch im Handlungskonzept zur Fachkräftesicherung nehmen wir Bezug auf den Fachkräftemangel. In der Bildungsstrategie widmet sich ein Handlungsziel den Bildungsübergängen – insbesondere dem Übergang in die Berufswelt und den dazugehörigen Angeboten zur Berufsorientierung.
Das Fachkräftesicherungskonzept wird in enger Abstimmung mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises, aber auch mit den wirtschaftsnahen Institutionen sowie Unternehmensvertretungen erarbeitet. Es orientiert sich an der Thüringer Fachkräftestrategie. Ziel ist es, die Ausbildung zu stärken und die Transformationsprozesse im Rahmen des Strukturwandels voranzubringen.
Warum ist die Arbeit des Bildungsmanagements beim Thema Fachkräfte so bedeutsam?
Seitdem das Bildungsmanagement den Schwerpunkt Fachkräftesicherung auf der Agenda hat, haben sich viele gemeinsame Handlungsfelder mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises ergeben, wovon beide Fachbereiche profitieren. Gerade am Übergang Schule – Beruf können Bildungsmanagement und Wirtschaftsförderung ihren Wirkungskreis erweitern und wichtige Synergien schaffen. Der AK SCHULEWIRTSCHAFT ist ein Beleg für die Brückenfunktion, die das Bildungsmanagement zwischen den Sphären Schule und Wirtschaft schaffen kann.